Wenn bei einem Großbrand innerhalb kurzer Zeit mehrere Tausend Liter Löschwasser pro Minute benötigt werden, stoßen auch leistungsfähige Hydrantennetze irgendwann an ihre Grenzen. Dann muss Wasser mitunter über Kilometer aus Seen, Teichen oder anderen unabhängigen Wasserentnahmestellen zur Einsatzstelle transportiert werden. Genau für solche Situationen hält der Katastrophenschutz des Landes Niedersachsen spezielle Hochleistungsförderpumpensysteme vor. Eines dieser sogenannten HFS ist im Landkreis Northeim stationiert – und hat sich innerhalb weniger Wochen gleich dreimal weit über die Kreisgrenzen hinaus bewährt.
Das Land Niedersachsen hat insgesamt vier Fachmodule Hochleistungsförderpumpensystem in den Landkreisen Northeim, Gifhorn, Friesland und Diepholz stationiert. Sie sollen andere Einheiten des Brand- und Katastrophenschutzes insbesondere dann unterstützen, wenn große Wassermengen gefördert oder über lange Strecken transportiert werden müssen – beispielsweise bei Groß- und Vegetationsbränden oder bei Hochwasser.
Die Dimensionen unterscheiden das System deutlich von der klassischen Löschwasserförderung einer Feuerwehr: Nach der aktuellen niedersächsischen Stärke- und Ausstattungsnachweisung kann das HFS bei der Wasserförderung über eine bis zu zwei Kilometer lange Strecke einen Förderstrom von rund 3.000 Litern pro Minute bei elf bar bereitstellen. Im Lenzbetrieb sind über entsprechende Strecken noch deutlich größere Mengen möglich; mit der zusätzlichen Flutkomponente können auf kurzen Distanzen ohne Höhendifferenz sogar bis zu 50.000 Liter Wasser pro Minute bewegt werden. Zum System gehören außerdem 2.000 Meter F-Druckschlauch, die mit technischer Unterstützung während der Fahrt ausgelegt und anschließend wieder aufgenommen werden können.
Seine Premiere bei einem größeren Brandeinsatz hatte das Northeimer System bereits 2025 bei einem Scheunenbrand am Carlshof bei Sudheim. Dort war die Löschwasserversorgung schwierig, sodass neben weiteren Komponenten auch das HFS eingesetzt wurde. Im Sommer 2026 zeigte sich dann innerhalb kürzester Zeit, dass das im Landkreis Northeim stationierte Spezialgerät nicht allein für Schadenslagen innerhalb der Kreisgrenzen von Bedeutung ist.
Erstmals über die Kreisgrenze: Großbrand in Goslar
Am 7. Juli wurde das Northeimer HFS erstmals zu einem Einsatz außerhalb des Landkreises angefordert. Im Industriegebiet Baßgeige in Goslar hatte sich ein Feuer von zunächst brennenden Paletten auf eine rund 2.500 Quadratmeter große Lagerhalle ausgebreitet. Starker Wind und die dort gelagerten Materialien sorgten für eine massive Brandentwicklung. Zeitweise waren rund 370 Einsatzkräfte gleichzeitig vor Ort, über den gesamten Einsatz hinweg waren nach Angaben des Stadtfeuerwehrverbandes Goslar rund 425 Kräfte und mehr als 100 Einsatzmittel beteiligt.
Eine der zentralen Herausforderungen war die Löschwasserversorgung. Zunächst wurde Wasser unter anderem mit Tanklöschfahrzeugen im Pendelverkehr zur Einsatzstelle gebracht. Angesichts der benötigten Wassermengen reichte diese Lösung jedoch nicht aus. Auch das öffentliche Hydrantennetz und vorhandene Zisternen konnten den Bedarf im weiteren Einsatzverlauf nicht ausreichend decken. Deshalb wurden die HFS-Systeme aus Northeim und Braunschweig nach Goslar angefordert.
Für die Northeimer Kräfte begann der Einsatz um 12.28 Uhr. Als leistungsfähige und praktisch unbegrenzt verfügbare Wasserquelle wurde schließlich der Mühlenteich nahe des Klostergutes Goslar-Grauhof genutzt. Von dort aus verlegten die Kräfte des Northeimer HFS den gesamten mitgeführten Vorrat von 2.000 Metern F-Schlauch in Richtung Industriegebiet. Am Ende der Northeimer Förderstrecke wurde ein Wasserübergabepunkt eingerichtet. Dort übernahm das ebenfalls alarmierte HFS der Feuerwehr Braunschweig und überbrückte mit weiteren rund 1.300 Metern F-Schlauch die verbleibende Strecke in Richtung Einsatzstelle.
Damit entstand eine kilometerlange leistungsfähige Wasserförderstrecke, über die dauerhaft große Mengen Löschwasser in das Industriegebiet gebracht werden konnten. Dass Polizei und Einsatzleitung die betroffenen Überlandstraßen sowie Bereiche des Industriegebietes für den Verkehr sperrten, erleichterte Aufbau, Betrieb und Überwachung der Strecke erheblich. Die Zusammenarbeit der Northeimer Kräfte mit dem HFS aus Braunschweig funktionierte dabei nach der internen Einsatznachbereitung sehr gut.
Auch die Feuerwehr Goslar hebt in ihrem Abschlussbericht die Bedeutung der beiden Hochleistungsförderstrecken hervor. Der Einsatz dauerte insgesamt rund 18 Stunden. Das Feuer konnte auf die betroffene Halle begrenzt werden; ein Übergreifen auf benachbarte Gebäude wurde verhindert. Für die Northeimer HFS-Einheit endete der Einsatz am 8. Juli gegen 2.30 Uhr.
1.600 Meter mitten durch Herzberg
Nur drei Wochen später folgte bereits die nächste überörtliche Anforderung. Am 28. Juli brannte eine Produktionshalle des Unternehmens Homapal in Herzberg am Harz. Die Feuerwehr war gegen 16.40 Uhr zunächst nach Auslösung einer Brandmeldeanlage alarmiert worden. Bereits während der Anfahrt bestätigte sich jedoch ein Feuer im Dachbereich, das sich zu einem Großbrand entwickelte. Mehr als 300 Einsatzkräfte aus mehreren Städten und Gemeinden waren im Laufe der Nacht beteiligt.
Vier Drehleitern, zahlreiche Löschtrupps und weitere wasserführende Einsatzmittel sorgten für einen enormen Löschwasserbedarf. Um diesen zu decken und gleichzeitig das Trinkwassernetz nicht übermäßig zu belasten, entschied sich die Einsatzleitung für zwei voneinander unabhängige Wasserförderstrecken. Eine rund 1.100 Meter lange doppelte B-Leitung führte vom Mühlengraben zur Einsatzstelle. Für die zweite Strecke wurde das HFS aus dem Landkreis Northeim angefordert.
Um 20.02 Uhr begann der Einsatz der Northeimer Einheit. Am Juessee wurde eine Wasserentnahmestelle eingerichtet. Von dort musste die F-Leitung 1.600 Meter quer durch Herzberg bis in Richtung Einsatzstelle geführt werden. Am Wasserübergabepunkt wurde die große F-Leitung über einen F-5B-Verteiler auf fünf B-Leitungen aufgeteilt, über die das Löschwasser anschließend weitertransportiert werden konnte.
Der Aufbau mitten in einem bebauten Stadtgebiet stellte die Kräfte vor andere Herausforderungen als wenige Wochen zuvor in Goslar. Die B 27 und B 243 mussten in Teilen der Ortsdurchfahrt bis in die frühen Morgenstunden voll gesperrt werden. Gleichzeitig führte die Sperrung der Hauptverkehrsstraßen zu mehr Verkehr in den Anliegerstraßen, durch die Teile der HFS-Strecke verliefen. Damit wurde insbesondere die dauerhafte Schlauchaufsicht zu einer wichtigen Aufgabe.
Die Löschwasserversorgung war einer der entscheidenden Faktoren bei der Brandbekämpfung. Durch Riegelstellungen konnten die Einsatzkräfte die Brandausbreitung an den Brandwänden stoppen und angrenzende Unternehmensteile schützen.
Beim späteren Rückbau der 1,6 Kilometer langen Northeimer Förderstrecke unterstützten Einsatzkräfte der Feuerwehr Osterode-Freiheit. Gegen 7.30 Uhr am folgenden Morgen war der Einsatz für die HFS-Einheit aus dem Landkreis Northeim beendet.
Vier Tage später erneut nach Goslar
Viel Zeit zum Durchatmen blieb nicht. Gerade einmal vier Tage nach dem Einsatz in Herzberg und weniger als vier Wochen nach dem ersten Großbrand in Goslar wurde das Northeimer HFS am Abend des 2. August erneut in das Industriegebiet Baßgeige gerufen.
Dieses Mal brannte eine Produktionshalle eines Automobilzulieferers. Aus einer zunächst gemeldeten unklaren Rauchentwicklung entwickelte sich innerhalb kürzester Zeit ein Großbrand. Beim Eintreffen der ersten Führungskräfte waren eine weithin sichtbare Rauchsäule und massiver Flammenaustritt aus dem Produktionsgebäude zu erkennen. Die Alarmstufe wurde auf B4 erhöht. Insgesamt waren 402 Einsatzkräfte beteiligt.
Für die Löschwasserversorgung konnte die Feuerwehr auf Erfahrungen zurückgreifen, die nur wenige Wochen zuvor praktisch an derselben Stelle gesammelt worden waren. Die Feuerwehr Goslar hält in ihrem Einsatzbericht ausdrücklich fest, dass aufgrund der Erkenntnisse aus dem Lagerhallenbrand vom 7. Juli erneut die HFS-Systeme aus Northeim und Braunschweig angefordert wurden – und dass die Kenntnisse aus dem vorherigen Einsatz dem weiteren Einsatzverlauf zugutekamen.
Da sich die neue Brandstelle in unmittelbarer Nähe des ersten Goslarer Einsatzortes befand, konnte die bereits erprobte Lösung erneut genutzt werden: Das Northeimer HFS stellte die Wasserentnahme im Bereich Grauhof her und baute gemeinsam mit dem Braunschweiger System erneut die kilometerlange Wasserförderung in Richtung Industriegebiet auf. Der Einsatz für die Northeimer Einheit begann um 20.04 Uhr und endete am folgenden Morgen gegen 7.10 Uhr.
Parallel verlegten die Einsatzkräfte in Goslar weitere kilometerlange Leitungen von Zisternen und einem Feuerlöschteich. Nach Angaben der Stadt Goslar wurden insgesamt knapp acht Kilometer Schlauchleitung benötigt. Mehr als dreieinhalb Kilometer der Wasserförderung führten allein bis in den Bereich Grauhof.
Bereits gegen 22.45 Uhr konnte das Feuer unter Kontrolle gemeldet werden, in der Nacht folgte ein umfangreicher Schaumeinsatz. Gegen 3.30 beziehungsweise 4 Uhr meldeten Feuerwehr und Stadt schließlich „Feuer aus“.
Spezialfähigkeit, die nicht an Kreisgrenzen endet
Die drei Einsätze innerhalb von weniger als vier Wochen zeigen, welchen Stellenwert spezialisierte Katastrophenschutzeinheiten bei großen und langwierigen Schadenslagen haben können. Nicht jede Kommune kann – und muss – Technik vorhalten, mit der innerhalb kurzer Zeit kilometerlange Förderstrecken für große Wassermengen aufgebaut werden können. Entscheidend ist vielmehr, dass solche Fähigkeiten an geeigneten Standorten vorhanden sind, regelmäßig ausgebildet werden und bei Bedarf über Stadt-, Kreis- und Zuständigkeitsgrenzen hinweg schnell eingesetzt werden können.
Für die HFS-Einheit aus dem Landkreis Northeim bedeuteten die Einsätze zugleich einen erheblichen Aufwand. Mit dem Auslegen der Leitung allein ist es nicht getan: Wasserentnahmestellen und Übergabepunkte müssen eingerichtet, Pumpen betrieben, kilometerlange Schlauchstrecken permanent kontrolliert und gesichert und schließlich hunderte Meter schwere F-Schläuche wieder aufgenommen, gereinigt und einsatzbereit gemacht werden. Auch Kraftstoffversorgung, Personalwechsel und Verkehrsmaßnahmen müssen bei Einsätzen über viele Stunden berücksichtigt werden.
Gerade die beiden Großbrände in Goslar zeigen dabei einen weiteren wichtigen Effekt: Aus jedem realen Einsatz entstehen Erfahrungen für den nächsten. Beim Brand am 2. August mussten Wasserentnahmestellen, Streckenführung und Zusammenarbeit nicht mehr grundsätzlich neu entwickelt werden. Die beim ersten Einsatz gemeinsam gewonnenen Erkenntnisse konnten unmittelbar genutzt werden. Genau darin liegt neben der Leistungsfähigkeit der Technik eine weitere Stärke des Katastrophenschutzes: Einheiten aus unterschiedlichen Landkreisen trainieren und arbeiten nicht isoliert, sondern ergänzen sich dort, wo eine Schadenslage ihre besonderen Fähigkeiten erfordert.
Goslar, Herzberg und erneut Goslar haben innerhalb weniger Wochen gezeigt, dass das im Landkreis Northeim stationierte HFS eine solche Fähigkeit darstellt.
Fotos: Fachgruppe HFS



